Unverstand
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Dort ist er wieder.
Ich liege auf meiner Couch und starre aus dem Fenster. Der Mond scheint in meinen Raum und hält mich gefangen. Vollmond, und ich kann wieder nicht schlafen. Dort ist er, im Augenwinkel. Er sitzt auf meinem Sessel und starrt mich an. Die Beine übereinander geschlagen und die Arme verschränkt. Ich weiss das, auch wenn ich es nicht sehe, denn er ist nur ein Schatten. Jede Nacht sitzt er dort. Ich weiss, er wird verschwinden, sobald ich einschlafe.
Aber ich muss es schnell tun, sonst steht er auf und zwingt mich in den Schlaf. Und dann beginnen die Alpträume wieder.
Schlaf ein, bitte, schlaf.
Selbst wenn ich ihn direkt ansehe bleibt er ein Schatten. Ich habe mir sein Aussehen oft als Kind ausgemalt. Ein Anzug, vielleicht ein Frack. Manchmal glaube ich, er trägt einen Hut. Als Kind nannte ich ihn immer Sandmann. Wirkliche Angst hatte ich nie vor ihm. Ich weiss, wenn ich einschlafe, verschwindet er. Angesprochen habe ich ihn nie.

Bist du dir sicher?

Ruckartig und hastig drehe ich mich auf der Couch hin und her. Mit jedem Zukneifen meiner Augen explodiert mein Kopf. Als würde ich für eine Sekunde Migräne haben. Und diese Bilder.
Ich halte seine Hand und schleife seinen schlaffen Körper hinter mir her. Es poltert im Treppenhaus, als er hinter mir herfällt. Nicht so schnell, nur nicht zu schnell. Mit der Zunge versuche ich den Geschmack von meinen Zähnen zu kratzen. Ich habe ausversehen aus der Tasse getrunken und nun verfolgt mich der Aschenbechergeschmack mit jedem Schritt. Sein Körper hinterläßt eine dünne Spur auf dem Boden. Nichts ernstes. Niemand wird sie wirklich wahrnehmen. Das meiste Blut schwimmt noch in meiner Badewanne. Verdammt, ist der Bastard schwer. Mit einem dumpfen Aufschlag landed sein Körper in der Mülltonne. Im Haus hinter mir geht im zweiten Stockwerk ein Licht an. Ich strecke mich um über die Tonne hinweg den Deckel zu greifen und diesen runterzuziehen. Morgen holen sie den Müll ab und niemand wird ihn vermissen. Während ich so gestreckt über der Mülltonne hänge und das Licht aus dem zweiten Stockwerk meinen Schatten in diese Tonne wirft, schaue ich ihn ein letztes Mal an.
Es sieht so aus, als würde mein Schatten ihn ein letztes Mal umarmen. Vergib mir, Vater.

Ein letztes Mal? Du weisst, es wäre das erste Mal.

Die Tonne kracht zu und ich öffne meine Augen. Mein Blick wandert zu der kleinen Uhr. Der Mond strahlt so hell, dass ich ihre Zeiger deutlich sehen kann. Eine Stunde. Eine Stunde und ich bin immernoch wach. Der Sandmann mit Anzug und Hut sitzt noch immer dort. Er tippt seine Fingerspitzen aufeinander und wartet. Ich muss einschlafen.
Ich bin wieder ein kleiner Junge und rutsche schlaflos auf dem Bett hin und her. Ich kann nicht schlafen wegen den Verletzungen. Ich glaube mein Finger ist gebrochen.

Du hättest dich nicht wehren sollen.

Wenn ich nicht einschlief, kam der Sandmann zu mir. Er führte mich dann in sein Reich. Er erzählte mir Märchen und in seiner Stimme lag eine mysteriöse Melodie. Natürlich kannte ich das Wort 'mysteriös' damals nicht, was es nur noch erschreckender machte. Der Schatten hockte sich neben mein Bett und streichelte meine Wange. Die Wange, die geschwollen und violett war. Dann flüsterte er.

Schlaf mein Kind, schlafe ein
Dem Vergessen sollst du heute sein
Schlaf mein Kind, schlafe fest
Ganz ruhig, ganz sanft in meinem Nest

Ich will nicht. Ich habe nie geschrieen. Wenn das Biest mich um jede Unschuld beraubte, ja, aber wenn der Sandmann den Rest nahm, nein. Manchmal ging es sehr schnell. Manchmal hielt er mich die ganze Nacht irgendwo zwischen kalter Realität und Alptraum fest.

Ich werde dir dein Fieber mindern
Und dir deine Schmerzen lindern
Heute darfst du Träume erben
Das Kind von Angst soll heute sterben

Meine Finger verkrampfen sich in meinem Haar und die Fingernägel ziehen tiefe Risse in meine Kopfhaut. Schlaf ein! Der Mond vor meinem Fenster hat sich bewegt. Vielleicht ist wieder eine Stunde vergangen. Ich drehe den Kopf und schaue auf den Mann auf dem Sessel. Ich weiss nicht, wieso ich nie aufstand und zu ihm ging. Er ist doch nur ein Schatten. Vielleicht bilde ich mir das alles nur ein.

So wie an deinem Geburtstag?

Vater liebt mich. Heute bringt er mir etwas großes mit. Ich weiss es, ganz genau.
Der Gürtel krallt sich in meine Wange und er schuppt mich in die Ecke des Zimmers. Ich bilde mir ein, ich wäre tot. Keine Bewegung. Vielleicht geht er dann. Im Augenwinkel sehe ich den Sandmann auf meinem Schreibtischstuhl sitzen.

Er streichelt über meine Wange und es schmerzt. Die Schnalle des Gürtels schlug ein kleines Loch in meine Wange. Ich drehe den Kopf und schaue in sein Gesicht. Dann verblasst alles.
Ich liege auf dem Bauch und mein Kopf ist in das Kissen gegraben. Schlaf ein! Dann halte ich den Atem an. Schritte, ich höre sie. Deutlich. Manchmal glaube ich, es ist einfach zu spät. Wozu noch einschlafen, wenn auch der nächste Tag still steht?

Du weisst wofür, mein Sohn.

Das nächste woran ich mich erinnere ist, dass er mich an der Hand hält. Er führt mich zu der Wohnung meiner kleinen Cousine. Er schleift mich hinter sich her. Meine Muskeln sind wie betäubt. Kein Wunder, nachdem mich das Biest um meine gesamte Kraft prügelte. Meine kleine Cousine hieß Nicole.
Nicki, wurde sie von meinem Vater genannt. Er liebte diesen kleinen Engel. Manchmal verbrachte er die ganze Nacht bei ihr. Ich habe nie mit ihr geredet. Sie saß nur auf einem Stuhl oder der Couch und starrte auf ihre kleine Puppe. Und sie weinte. Niemanden kümmerte es. Das war die einzige Befriedigung die ich noch hatte. Vater liebte sie und mich nicht. Verlogenes Stück. Der Sandmann bringt mich durch die Tür als wäre sie aus Nebel.
Träume ich schon?

Diese Gedanken. Die Couch ist alles andere als gemütlich, doch mein Bett ist besetzt. Ich richte mich auf. Der Schatten holt mich ein. Ich weiss genau, was nun passieren wird.

Komm, mein Sohn, schlaf ein
Dem Vergessen sollst du heute sein.

Das ist der Moment des Szenenwechsels.

Schlaf mein Sohn, schlafe fest
Ganz ruhig, ganz sanft in meinem Nest

Ich sitze in einer warmen Ecke in meinem Verstand und kann nur zusehen.

Ich werde dir dein Fieber mindern
Und dir deine Ängste lindern.

Ich weiss, es sollte mir leid tun. Vater vergoss keine Träne.

Heute darfst du Träume erben
Das Kind von gestern soll heut' sterben.

Natürlich.

...komm, wir spielen ein Spiel...
...und wir nennen es 'Fangen'...

Ich stehe hinter ihr. Steh auf! schreie ich sie an. Langsam schleiche um sie herum. Der Schatten setzt sich auf ihren Stuhl und schaut uns zu. Wie in Zeitlupe laufe ich um ihre Gestalt. Sie läßt den Kopf hängen und es wirkt beinah, als würde sie sich im Kreis drehen. Dann geht alles sehr schnell. Mein Blick fixiert sich an der Puppe, die langsam auf den Boden fällt. Ein abgenutzer Clown mit einer Blume in der Hand.
Langsam, nicht zu schnell. An ihrem Arm schleife ich sie hinter mir her. Die Tonne kracht zu und ich öffne die Augen.

...und es ist das Ziel...
...um's Leben zu bangen...

Am nächsten Tag erzählte mir meine Mutter, dass Nicki tot sei. Ich hielt mir die Hand vor den Mund und riss die Augen auf. Nicht, weil ich schockiert war, nein, damit sie das Lächeln nicht sah. Man fand sie im Müll, sagte Mutter, mit ein Dutzend Messerstiche in der Brust. Ich konnte ihr nicht sagen, dass der Sandmann mir diese Geschichte letzte Nacht schon erzählte. Nach Nicoles Beerdigung zerriss ich ihre Puppe und warf die Reste auf ihr Grab. Der Clown lachte noch immer.
Die nächste Nacht lag ich wieder mit weit aufgerissenen Augen wach im Bett. Dort ist er, im Augenwinkel. Er sitzt auf meinem Sessel und starrt mich an. Die Beine übereinander geschlagen und die Arme verschränkt. Ich weiss das, auch wenn ich es nicht sehe, denn er ist nur ein Schatten. Jede Nacht sitzt er dort. Ich weiss, er wird verschwinden, sobald ich einschlafe.

Zwanzig Jahre später liegt der kleine Junge immernoch mit offenen Augen im Bett und der Mond weicht dem Tageslicht. Der Sandmann ist verschwunden.

Bist du dir sicher?








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